Kommentar | Editorial

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Ferne Themenwelten

Rainer Strnad

Den Satz liest man glatt zweimal, bevor man ihn glauben will: "Konsumenten denken bei Garden Living nicht in Produktkategorien, sondern in Themen- und Bildwelten. Im Handel werden die Artikel häufig aber noch alleinstehend präsentiert - und damit Umsatzpotenzial verschenkt." So steht es in der Pressemitteilung, die das Marktforschungsinstitut IFH zusammen mit dem Industrieverband Garten (IVG) über ihren gemeinsam erarbeiteten "Branchenreport Garden Living" herausgebracht haben.

"Themenwelten" - war das nicht das Zauberwort, das Händler seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten im Mund führen, wenn sie ihrem staunenden Publikum erklären wollten, wie der "Handel der Zukunft" würde auszusehen haben? Hatten wir nicht immer wieder Beispiele für solche Themenwelten präsentiert bekommen? Und hatten wir - damit meine ich nicht zuletzt auch meine eigene Zunft - ihnen nicht immer oder jedenfalls oft bereitwillig geglaubt, dass das, was wir da zu sehen bekamen, schon richtig schöne neue Themenwelten waren?

Und jetzt sagt der IFH-Consultant Christian Lerch: "In der Umsetzung am Point of Sale können sich Händler zum Beispiel an der Kojenpräsentation der Badausstellungen im Sanitärfachhandel oder den Musterräumen beim Branchenprimus Ikea orientieren." Und zwar sollten sie das nicht tun, weil's halt einfach schöner aussehen würde. Nein, der Handel nutzte das Umsatzpotenzial des Garden-Living-Marktes nicht aus. Er lässt Geld liegen.

Dabei müssten die Händler nur beherzigen, was sie nicht nur auf unzähligen Kongressen und Branchenveranstaltungen gehört haben, sondern was sie - siehe oben - immer wieder selbst beteuert haben. Mit anderen Worten: Die Selbst- und die Fremdwahrnehmung der Branche scheinen auseinanderzuklaffen.

Dass als Benchmark, an der sich der Gartenhandel ausrichten soll - gemeint sind ganz offenbar sowohl die Baumärkte mit ihren Gartenabteilungen als auch die inhabergeführten Gartencenter -, Ikea genannt wird, mögen die Betroffenen wohl hinnehmen; dem schwedischen Stil-Trendsetter und größten Möbelhändler der Welt billigt man die Vorbildrolle sicherlich bereitwillig zu.

Dass aber eine nicht eben für ihre Endverbrauchernähe bekannte Fachhandelsbranche als zweites Musterbeispiel genannt wird, ist schon ein bisschen bitter: Baumärkte und Gartencenter sind die größten Vertriebskanäle im grünen Markt. Beiden wird bescheinigt, ihre Sache jedenfalls in diesem Punkt nicht gut zu machen - und das in einem Marktsegment, von dessen Boom jeder in der Branche schon zigfach gehört hat. Doch die Botschaft von dem auf Terrasse oder Balkon verlängerten Wohnzimmer hat offenbar noch zu wenig umsatzträchtigen Widerhall bei den Entscheidern in den Baumarktzentralen und Gartencenterunternehmen gefunden.




So jedenfalls sehen es IFH und IVG. Haben sie Recht? Am besten gleich mal nachsehen im nächsten Gartencenter, und am besten gleich noch jemanden mitnehmen, der nicht die Branchenbrille aufhat. Für eingeschränkte Selbstwahrnehmung ist schließlich nicht nur der Handel anfällig.

Herzlichst Ihr

 Rainer Strnad

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