Deutschland könnte ein Drittel mehr Wohnungen bauen. Dass es nicht klappt, liegt an zu vielen und zu komplexen Normen. Dieses Fazit ziehen das Wohnungsbau-Institut ARGE (Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen) des Landes Schleswig-Holstein und das Institut für Bauforschung (IFB) des Landes Niedersachsen aus ihren Erhebungen.
Die Normung im Wohnungsbau sei mit verantwortlich für Wohnungsnot, rasant steigende Kaufpreise und explodierende Mieten, hieß es auf einer Pressekonferenz heute in Berlin. Mit weniger und vor allem besseren Normen könnten die Gesamtkosten im Neubau um rund 1.000 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche gesenkt werden. „Deutschland braucht eine schnelle und mit Verstand gemachte Radikalkur bei den Normen“, fordern ARGE-Institutsleiter Prof. Dietmar Walberg und IFB-Direktorin Heike Böhmer.
20 Prozent teurer
„Beim Neubau von Wohnungen hat es seit 2000 bundesweit eine Kostenexplosion um rund 245 Prozent gegeben. 20 Prozent des Kostenanstiegs gehen dabei auf das Konto des ständigen Nach-oben-Schraubens von Normenstandards. Konkret bedeutet das: Normen haben in den letzten 25 Jahren die Gesamtkosten beim Neubau um rund 600 Euro pro Quadratmeter Wohnfläche teurer gemacht“, sagt Prof. Dietmar Walberg.
Als ein Beispiel führen die Wissenschaftler der ARGE und des IFB den Schallschutz an: Seit 2015 hätten sich der Arbeitsaufwand und die Kosten dafür verdreifacht. „Der Schallschutz muss jetzt nämlich aufwändig rechnerisch nachgewiesen werden – und zwar detailliert – für jeden Raum einzeln. Ohne komplexe Bauphysik-Software ist das gar nicht mehr möglich“, sagt IFB-Direktorin Heike Böhmer.
Ein konkretes Beispiel: Bei einem Wohnhaus in Wesel sei es um den „Schallschutzbedarf“ bei Balkonen gegangen. „Eine Überschreitung von nur 1 bis 3 Dezibel hätte die Verglasung aller Balkone notwendig und sie damit allerdings auch unbezahlbar gemacht“, schildert Walberg. „Aber weil die Lärmbelastung ganz knapp über dem Orientierungswert lag, wurden die Balkone gar nicht erst gebaut.“
Gebäude-Typ E
Die Bauforscher fordern, den „Gebäude-Typ E“ als Basis-Standard im Wohnungsbau zu etablieren. Auch hier ein Beispiel: „Es gibt keine kostspieligen Extras: Auf komplexe und wartungsintensive Technik kann vielfach verzichtet werden. Aber auch bei der Ausstattung sollte man einen Gang zurückschalten: Die Zahl der Steckdosen im Kinderzimmer oder Bad lässt sich in den meisten Fällen reduzieren“, so Walberg.










