Auf wenigen Quadratmetern entsteht auf deutschen Balkonen und Terrassen oft ein erstaunlicher Rückzugsort. Doch hinter diesem Erfindungsreichtum steckt auch eine Verschiebung: Europa verliert seine Häuser, und mit ihnen den klassischen Garten. In kaum einem Land ist dieser Trend so ausgeprägt wie in Deutschland, zeigt eine Datenanalyse von Home24 und dem Berliner Datenstudio Datapulse Research. Darin wurde unter anderem untersucht, wie sich der Zugang zu privatem Grün in Europa verändert und welche Wege die Deutschen finden, sich Natur nach Hause zu holen.
Hausanteil in Europa sinkt
So zeigt die Analyse: Wer in Europa in einem Haus lebt, hat in der Regel auch Zugang zu einem Garten – wer in einer Wohnung lebt, deutlich seltener. Somit entscheide die vorherrschende Wohnform eines Landes maßgeblich darüber, wie viele Menschen Zugang zu einem privaten Garten haben.
Im EU-Durchschnitt lebt noch etwa jede zweite Person in einem Haus (51,4 Prozent). Deutliche Unterschiede werden allerdings auf Landesebene sichtbar: In Irland sind es 90 Prozent, in der Schweiz nur 34 Prozent. Deutschland liegt mit 38,5 Prozent am unteren Ende. Darin sehen die Datenexperten einen Trend: über die letzten 15 Jahre ist Europas Hausanteil langsam, aber stetig gesunken.
Demnach hat der Vorsprung des Hauses gegenüber der Wohnung 2010 noch 8,3 Prozentpunkte (PP) betragen, 2024 sind es nur noch 3,5. Bei gleichbleibendem Tempo könnte die Wohnung das Haus als dominierende Wohnform in Europa in den 2030er-Jahren ablösen, befindet die Analyse. Malta, Portugal und Norwegen verzeichnen mit 14,3, 11,5 und 10 PP seit 2010 die stärksten Rückgänge. Deutschland folgt mit 6,5 PP auf Platz fünf.
Doch es gibt Ausnahmen: In einigen osteuropäischen Ländern läuft die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Polen (+5,4 PP), die Slowakei (+4,3 PP), Estland und Ungarn (je +3,7 PP) sowie Nordmazedonien (+3,0 PP) erleben demnach eine Art Suburbanisierungswelle und die Menschen verwirklichen den Traum vom Haus, den der Westen gerade zum größten Teil verliert, so die Studienautoren.

Deutschland gegen den EU-Durchschnitt
So wohnten in Deutschland 2010 noch 45 Prozent der Menschen in Häusern, 2024 nur noch 38,5 Prozent. Seit 2010 ist der Anteil damit um 6,5 Prozent gesunken. Deutschland verzeichnete den fünftstärksten Rückgang im EU-Vergleich.
Die Vermutung liegt daher nahe, dass die meisten Deutschen in Städten leben und sich so der hohe Wohnungsanteil erklären lässt – doch die tatsächlichen Daten widerlegen diese Annahme. Auch auf dem Land lebt in Deutschland ein überdurchschnittlich hoher Anteil der Menschen in Wohnungen.
Im ländlichen Deutschland wohnen laut Studie nur etwa 61 Prozent der Menschen in Häusern; der EU-Durchschnitt liegt bei 83 Prozent. Deutschland sei demnach also selbst dort auf Geschossbau ausgelegt, wo in anderen europäischen Ländern Häuser die Norm wären.
Hier werden Widersprüche deutlich: Obwohl Deutschland laut der Studie EU-weit am meisten Wert auf Außenräume beim Wohnen legt, lebt ein großer Teil der Bevölkerung in Wohnungen, der Wohnform, die weniger Quadratmeter Außenbereich ermöglicht.
Die 4.000-Euro-Grenze
Der sinkende Hausanteil lässt sich – zumindest teilweise – anhand des Einkommens erklären. So zeigen die Daten des Statistischen Bundesamtes laut der Analyse einen klaren Gradienten: Von den Haushalten mit einem monatlichen Nettoeinkommen unter 1.500 Euro lebt nur gut jede fünfte Person in einem Haus (22 Prozent). Bei einem Einkommen zwischen 2.000 und 3.000 Euro ist es knapp jede dritte Person (33 Prozent). Ab 4.000 Euro netto kippt das Verhältnis, in dieser Gruppe wohnt die Mehrheit (56 Prozent) in einem Haus.
Die Kehrseite der Medaille sieht allerdings so aus: Viele Menschen würden sich bewusst für das urbane Leben entscheiden und damit eher für eine Wohnung statt für ein Haus. Was sich verändert, ist demnach also nicht nur, wer sich ein Haus leisten kann, sondern auch, wie Menschen wohnen wollen.
Aber: Die Sehnsucht nach dem eigenen Grün bleibt, zeigt die Studie. Dementsprechend haben die Deutschen Wege gefunden, sich auch ohne eigenes Haus ein Stück Natur zu sichern, so die Autoren.
Kaum Kleingärten im Westen
Ein Beispiel ist dabei der Kleingarten. Von den rund 885.000 Parzellen in Deutschland befinden sich jedoch 50 Prozent in Ostdeutschland, obwohl dort nur 15 Prozent der Bevölkerung leben.
Demnach kommen in Leipzig auf 10.000 Einwohner 637 Parzellen, während es in Stuttgart gerade einmal 49 Parzellen sind. Die logische Konsequenz: Im Westen stehen die Menschen oft jahrelang auf Wartelisten. So haben insgesamt nur etwa 7 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einem Kleingarten. Der Kleingarten allein kann die Lücke also nicht schließen, betonen auch die Studienautoren.

Der Balkon als Ausweichmöglichkeit
Und so wird für die Mehrheit der Deutschen der Balkon die naheliegendste Form von privatem Außenraum: Rund 67 Prozent der Haushalte verfügen über einen Balkon oder eine Terrasse, deutlich mehr als über einen eigenen Garten.
„Bei Home24 sehen wir aktuell zwei parallele Welten: Auf der einen Seite wird der klassische Garten zunehmend zum Premium-Gut, das großzügig eingerichtet wird. Auf der anderen Seite beobachten wir eine kreative Revolution in den Städten: Der Balkon wird zum vollwertigen grünen Wohnzimmer. Ob drei oder 300 Quadratmeter, das Bedürfnis nach einem privaten Rückzugsort im Grünen ist bei allen gleich“, sagt Steven Schneider, Einrichtungsexperte bei Home24.
Doch das hat seinen Preis: In den 14 größten deutschen Städten wird für eine Wohnung mit Balkon bis zu 40 Euro mehr Miete im Monat fällig. Zudem variiert das Angebot von Stadt zu Stadt: Während der Anteil an inserierten Wohnungen mit Balkon in Berlin bei 71 Prozent liegt, liegt Essen bei nur 47 Prozent.
Die Sehnsucht nach Grün bleibt
Das Ergebnis der Datenanalyse und das daraus gezogene Fazit der Studienautoren liest sich so: Der Anteil der Menschen, die in einem Haus leben, sinkt in Deutschland stärker als in fast jedem anderen EU-Land. Doch die Sehnsucht nach privatem Grün bleibt. Ob Garten, Schrebergarten oder Stadtbalkon: Die Deutschen lassen sich ihr Grün nicht nehmen. Auch wenn der klassische Hausgarten für immer weniger Menschen die Realität ist, zeigt die Garten-Studie: die Deutschen finden Wege, sich auch auf kleinstem Raum ein Stück Natur zu schaffen.













