Europa ist für Color Expert kein homogener Markt. Er ist vielschichtig, historisch gewachsen und in seinen Anforderungen sehr unterschiedlich: Handelsstrukturen, Farbsysteme, Anwendergewohnheiten, klimatische Bedingungen und regulatorische Anforderungen variieren von Land zu Land. Gleichzeitig agieren viele Baumarktorganisationen international und erwarten Lösungen, die über Ländergrenzen funktionieren. Genau hier setzt Color Expert an – mit einer klaren Marken- und Sortimentslogik, lokaler Marktnähe und der Fähigkeit, Konzepte auch produktionstechnisch und regulatorisch umzusetzen.
Welche strategische Bedeutung hat Europa heute für Color Expert?
Nikolai Joerß: Europa ist für uns weit mehr als ein Absatzmarkt – die Grundlage für unser Wachstum und dafür, Konzepte länderübergreifend weiterzuentwickeln. Viele Handelsunternehmen agieren international und erwarten Professionalität, Konsistenz und Skalierbarkeit – aber eben nicht als Einheitslösung, sondern mit Verständnis für die jeweiligen Märkte.
Vera Mikosch: Für die Storch-Ciret-Gruppe liegt der Vorteil darin, die Stärke einer europäischen Organisation mit lokalem Marktverständnis zu verbinden. Gerade in Frankreich und Spanien zeigt sich, dass Handelslandschaften und Sortimentsgewohnheiten anders funktionieren als in Deutschland oder Polen. Europaweit tragfähige Konzepte zu entwickeln und gleichzeitig zu verstehen, was vor Ort gebraucht wird – das ist der Kern unserer Arbeit.
Das bedeutet, Sie setzen auch weiterhin auf Wachstum in Europa? Worin sehen Sie die größten Potenziale?
N. J.: Ja, absolut! Die größten Potenziale sehen wir dort, wo wir unsere Kompetenz als Kategoriepartner des Handels noch stärker einbringen können – mit kompletten Lösungen aus Sortiment, POS-Konzept, Verpackung, Logistik und Category Management.
V. M.: Neben dem Ausbau von Color Expert sehen wir großes Potenzial in individuellen Private-Label-Konzepten. Viele Handelsunternehmen suchen klare Differenzierung. Mit maßgeschneiderten Sortiments- und POS-Konzepten, technischer Validierung mit der Farbenindustrie und eigener Fertigung können wir hier echten Mehrwert schaffen.
Europa ist kein einheitlicher Markt. Was macht diese Vielfalt besonders spannend – und anspruchsvoll?
Philipp Escher: Im Kern sind sich die Heimwerker ähnlicher, als man denkt: Sie suchen Orientierung, wollen das passende Produkt für ihr Projekt finden und am Ende ein gutes Ergebnis erzielen. Gleichzeitig gibt es Vorlieben, die man im Detail verstehen muss. In Frankreich etwa wird viel stärker über das Finish unterschieden. Eine strukturierte Glasfaser-Tapete gilt dort nicht als „rau“, sondern in der Logik glatter Untergründe – aber mit anderen Anforderungen an das Finish. Das versteht man nur, wenn man wirklich tief in den Markt einsteigt.
N. J.: Europa ist deutlich kleinteiliger als andere große Märkte. In den USA gibt es einheitlichere Vertriebskanäle und weniger historisch gewachsene Produktpräferenzen. In Europa haben wir beispielsweise unterschiedliche Pinselformen, Walzenbreiten und Kernsysteme. Das muss ein Lieferant nicht nur konzeptionell verstehen, sondern auch umsetzen können. Unsere Produktionsstrukturen sind auf genau diese Heterogenität eingestellt – das ermöglicht uns, Konzepte schneller und marktnäher zu realisieren.

Herr Joerß, Sie verantworten DACH und Polen. Wie unterschiedlich erleben Sie diese Märkte?
N. J.: Im deutschsprachigen Raum treffen wir auf professionelle Handelsorganisationen mit hoher Sortimentskompetenz – Effizienz, Flächenproduktivität und Verbraucherorientierung stehen im Fokus. Polen ist dagegen ein dynamischer Markt mit starkem Wettbewerbsdruck. Malerarbeiten werden dort häufig von Allround-Handwerkern übernommen, die auch Trockenbau und Renovierung abdecken. Der klassische Farbenfachhandel ist weniger ausgeprägt; viele Anwender kaufen im Baustoffhandel oder direkt im Baumarkt. Das bedeutet für uns: Sortimente konsequent aus Sicht der Anwendung entwickeln. Der Kunde muss sofort erkennen können, welches Werkzeug zu welcher Farbe und welchem Projekt passt.
Frau Mikosch, welche Besonderheiten prägen Frankreich und Spanien?
V. M.: Frankreich und Spanien sind große Flächenländer, in denen Nahversorgerstrukturen eine wichtige Rolle spielen – private und professionelle Anwender beziehen Produkte oft über dieselben Märkte. In Frankreich ist der Anteil professioneller Maler hoch, Spanien ist stärker durch Allround-Handwerker geprägt. Das beeinflusst, wie Sortimente aufgebaut sein müssen: Ein Profi-Maler schaut anders auf ein Werkzeug als jemand, der mehrere Gewerke abdeckt.

Wie viel Einheitlichkeit braucht eine Marke wie Color Expert in Europa?
N. J.: Eine starke Marke braucht einen klaren Kern. Kunden und Handelspartner müssen Color Expert überall wiedererkennen können – das schafft Vertrauen und erleichtert die Zusammenarbeit mit international agierenden Handelsunternehmen. Einheitlichkeit bedeutet aber nicht, jedes Land gleich zu behandeln. Wir definieren zentrale Standards für Marke, Sortiment und POS – und schaffen gleichzeitig genug Flexibilität für lokale Anforderungen.
V. M.: In Spanien und Frankreich wächst die Bedeutung zentral ausgewählter Produkte. Ein großer Teil des Sortiments stammt aus europäischen Ausschreibungen oder zentral gesteuerten Prozessen. Eine klar aufgestellte Marke wie Color Expert hat dabei klare Vorteile über Ländergrenzen hinweg.
Wo beginnt aus Sicht des Sortimentsmanagements die notwendige lokale Anpassung?
P. E.: Lokale Anpassungen beginnen dort, wo Gewohnheiten dominieren. Aus rein deutscher Sicht kommen wir nicht automatisch zu den besten Ergebnissen. In anderen Ländern gibt es Produkte und Anwendungsweisen, die das Problem des Heimwerkers mindestens genauso gut lösen. Daraus können wir lernen – ohne jede Besonderheit unkritisch zu übernehmen.
Welchen Einfluss haben lokale Besonderheiten auf Ihre Sortimentsgestaltung?
N. J.: Die Unterschiede sind sehr konkret: Kernsysteme bei Farbwalzen, Walzenbreiten, Pinselformen, Borstenlängen. In Großbritannien hat der Pinsel traditionell eine deutlich höhere Bedeutung als die Walze. Es wird weniger abgeklebt, Kanten werden häufiger direkt mit dem Pinsel gezogen – das stellt besondere Anforderungen an Pinselqualität und Borstenbearbeitung. Hinzu kommen klimatische Unterschiede: In Küstenregionen wirken Salz und Sonne anders auf Beschichtungen als in mitteleuropäischen Märkten.
V. M.: In Südeuropa hat das Malerhandwerk mit Pinsel eine lange Tradition. In Frankreich gibt es den Réchampir – ein Rundpinsel mit spitz zulaufendem Kopf für Präzisionsarbeiten. In Spanien den Cabolata, einen ovalen Pinsel mit voluminösem Besatz für hohe Farbaufnahme. Diese landestypischen Formen haben teilweise Eingang in das Color-Expert-Konzept gefunden.
P. E.: Ein weiteres Beispiel: Washi-Klebebänder kommen aus dem französisch geprägten Raum und werden heute auch in Deutschland eingesetzt – auf empfindlichen Tapeten oder frisch gestrichenen Oberflächen. In Osteuropa sind schwarze Pinselborsten schwer vermittelbar, weil helle Borsten stärker mit Qualität verbunden werden. Solche Details können entscheidend für die Akzeptanz eines Sortiments sein.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Ansatz der Gelingsicherheit auch europaweit funktioniert?
V. M.: Für uns beginnt die Betrachtung nicht beim Werkzeug, sondern bei der Farbe. Farbsysteme, Marktanteile der Hersteller und Gebindegrößen unterscheiden sich von Land zu Land erheblich – das hat unmittelbaren Einfluss auf die Anforderungen ans Werkzeug. Deshalb entwickeln wir Sortimente nie isoliert, sondern testen Produkte gemeinsam mit Farbenherstellern. Nur so entstehen Konzepte, die wirklich zur Zielgruppe und zur Positionierung des Händlers passen.
Welche Bedeutung haben Eigenmarken und Private-Label-Konzepte im europäischen Baumarkthandel?
N. J.: Eigenmarken spielen in vielen europäischen Märkten eine zentrale Rolle – aber die Anforderungen sind deutlich höher geworden. Es geht längst nicht mehr nur um den Preis, sondern um klare Positionierung innerhalb der Category. Eine Eigenmarke muss Orientierung geben, Vertrauen schaffen und den Händler differenzieren.
V. M.: Genau hier liegt eine unserer Stärken. Wir entwickeln individuelle Private-Label-Konzepte, die auf Handelsmarke, Zielgruppe und Positionierung des Händlers abgestimmt sind – keine Standardlösungen. So entstehen Konzepte, die dem Endverbraucher echten Mehrwert bieten und gleichzeitig die Differenzierung des Händlers unterstützen.
Wie funktioniert der Wissenstransfer zwischen den Ländern und der Zentrale?
N. J.: Wissenstransfer ist für uns ein zentraler Erfolgsfaktor. Unsere Country Manager sind die Verbindung zwischen Markt und Organisation: Sie kennen lokale Handelsanforderungen, die Wettbewerbssituation und Veränderungen im Kaufverhalten. Ihre Erkenntnisse fließen direkt in Sortimente und POS-Konzepte ein. Und erfolgreiche Projekte teilen wir systematisch, damit gute Ideen schnell auch in anderen Märkten genutzt werden können.
V. M.: Gerade für deutsche Baumarktorganisationen mit Auslandsaktivitäten ist das relevant. Wir exportieren kein deutsches Konzept, sondern beraten, wie es lokal umgesetzt werden muss – ob in Tschechien, Polen, Spanien oder Frankreich.
P. E.: Der europäische Blick stärkt uns darin, Unterschiede wahrzunehmen und zu entscheiden, ob wir sie berücksichtigen müssen. Manchmal ist man überrascht, wie ähnlich die Märkte im Kern sind. Und dann gibt es Details, die entscheidend sein können. Diese erkennt man nur, wenn man vor Ort ist – nicht am Schreibtisch.

Welche Rolle spielt Product Compliance in dieser europäischen Marktbearbeitung?
N. J.: Product Compliance wird für den Handel immer wichtiger. Die Anforderungen in Europa werden komplexer – das betrifft nicht nur das Produkt selbst, sondern auch Verpackungen, Kennzeichnungen und die Frage, wie Produkte in Verkehr gebracht werden. Als Unternehmen mit Hauptsitz in Europa können wir diese Anforderungen frühzeitig in Produktentwicklung und Sortimentslösungen integrieren. Für Handelspartner schafft das zusätzliche Sicherheit.
Was ist aus Ihrer Sicht das Rezept, um Europa langfristig erfolgreich zu bearbeiten?
P. E.: Es ist die Kombination aus zentralen Standards und Flexibilität in der Umsetzung. Weder reine Standardisierung noch reine Lokalisierung funktionieren dauerhaft. Am Ende hat ein Lieferant eine zentrale Aufgabe: Er muss liefern. Wenn Service-Level, Verfügbarkeit oder Preisstellung nicht passen, ist man schnell raus. Erfolgreiche Marktbearbeitung ist keine One-Man-Show – was dahinter hängt, ist entscheidend: Vertrieb, Sortimentsmanagement, Produktentwicklung, Produktion, Logistik, Compliance und Category Management.
Welche Rolle soll Color Expert in den nächsten Jahren in Europa einnehmen?
V. M.: Wir wollen Color Expert als führende DIY-Marke für Malerwerkzeuge in Europa weiterentwickeln – mit konsistentem Markenbild, innovativen Produkten und Lösungen, die dem Verbraucher die Produktauswahl erleichtern. Unser Anspruch ist, der Partner zu sein, der Innovation, eigene Fertigungskompetenz, Category Management und exzellente POS-Konzepte verbindet. Wenn Händler in Europa an moderne Malerwerkzeug-Konzepte denken, soll Color Expert die erste Adresse sein – mit der Marke ebenso wie bei individuellen Handelsmarkenkonzepten.
Was ist Ihr Blick nach vorn – gerade mit Blick auf deutsche Baumarktentscheider?
N. J.: Für deutsche Baumarktentscheider ist unser europäischer Ansatz ein konkreter Mehrwert. Viele Handelsunternehmen denken längst über Ländergrenzen hinweg. Sie brauchen Partner, die lokale Anforderungen verstehen, Konzepte anpassen können und trotzdem verlässlich, skalierbar und wettbewerbsfähig liefern. Genau das ist unser Anspruch.
Dies ist die Langversion des Beitrags aus der Printausgabe diy 8/2026.












