„Seit wann ist Entspannung eigentlich etwas geworden, was optimiert werden muss?“ Mit dieser provokanten Frage leitete Ivonne Seifert von der Messe Frankfurt den Trendausblick zur Heimtextil 2027 ein. „Wir tracken unseren Schlaf, verbessern unsere Routinen, werden effizienter, messen unsere Leistungen – aber wenn wir am Ende des Tages die Tür hinter uns schließen, wollen wir dann wirklich einen Bereich zu Hause, der noch mehr von uns verlangt?“, fragte sie in die Runde.
Unter dem Titel „Home maxxing – the performance of everyday living“ soll die Präsentationsfläche, erneut kuratiert von der Mailänder Designplattform Alcova, diesem Spannungsfeld gerecht werden. Sie setze bei einem Paradoxon an, erklärte Designexperte Joseph Grima: Das Zuhause, der persönlichste Rückzugsort, werde plötzlich zur Bühne, zu einem Raum der Leistung, indem man die alltägliche Selbstmaximierung über soziale Medien mit anderen Menschen teilt. Gleichzeitig müssten auch die Häuser selbst höheren technischen Standards genügen und mehr Energie sparen.
„Angesichts all dessen was da entsteht, gibt es auch einen Trend, der sich dagegen wendet: das Friction-Maxxing – ein Druckentlastungsventil, in dem man alte Praktiken wieder benutzt, wie Briefe auf Schreibmaschinen zu schreiben oder alte Schallplatten zu hören. Man entflieht vor all dem, was so wahnsinnig praktisch und schnell ist“, erklärte er.
Der Trend, von Alcova „Hyper Presence“ genannt, reflektiert die Entwicklung weg von Schnittstellen, hin zu einer „Material-Ehrlichkeit“, beschreibt seine Kollegin Alice Moretto. Hier dominieren rohe, unbearbeitete Oberflächen. Es gibt wenige, dafür aber bewusst ausgewählt Objekte. Menschen werden dazu eingeladen, alte Traditionen wieder zu entdecken. „Das Zuhause kann performativ sein, es kann schützen, es kann maximieren, aber es kann auch als ritueller Ort benutzt werden, der sozusagen der Gegenspieler zur Technologie wird: Menschen sammeln Steine, verwenden Palo Santo – als eine Art Wettkampf mit sich selbst, ob man dazu in der Lage ist, sich an alte Traditionen zu erinnern“, sagt Designexpertin Valentina Ciuffi.

Räume sind mit allen Sinnen erlebbar – über haptische Materialien, Lichtstimmungen und Gerüche: Eine Hängeleuchte mit einem in Bienenwachs getränkten Tuch verströmt einen eigenen Duft, sobald sie angeschaltet und somit erwärmt wird. Ein Sofa-Überzug aus gepressten Holzfasern verschmilzt mit dem Untergrund, wirkt Temperatur- und feuchtigkeitsregulierend und verändert sich mit der Zeit sowie durch die Menschen, die ihn benutzen.
Wie der Mensch mit Objekten interagiert, ist auch bei „Inside out“ ein Thema: Ein Stuhl lässt sich ausziehen und legt so frei, was normalerweise verborgen bleibt. Eine transparente Smartphone-Hülle erlaubt einen Blick auf die technischen Komponenten. Das ist selbst bei Handarbeiten so: Der Lederbezug für einen Sessel wird in Stücke geschnitten und mit sichtbaren Metallklammern zusammengehalten. „Der Trend zeigt, wie schwer es geworden ist, in einer Zeit von Blackboxes und künstlicher Intelligenz den Verbraucher zu überzeugen“, erklärt Ciuffi.
Ein Haus kann ganz ohne Außenverkleidung auskommen, man sieht nur noch den Rohbau – und schafft damit eine neue Ästhetik. Während früher Wasserrohre oder Leitungen versteckt und somit weicher gemacht wurden, fühle man sich heute wohl damit, ehrlich und transparent zu sein – ohne jedoch komplett darin aufzugehen. Man brauche die Reibung, die Friktion, hält Grima fest.
Wie technische Anmutung zum gestalterischen Element werden kann, zeigt die Trendrichtung „Staged Competence“. Akustikpaneele dienen nicht mehr nur der Geräuschreduzierung, sie werden selbst zum Kunstobjekt und zieren Möbel oder Wände. Mikrografiken, Symbole, die sich in technischen Datenblättern finden, werden auch Textilien aufgedruckt und somit ironisch, findet Ciuffi: „es ist komplett dekorativ, entbehrt aber jeder Funktion.“ Dieser augenzwinkernde Ansatz stelle einen Kontrast dar zur sonst eher langweilig wirkenden technischen Sprache. Gleichzeitig dienen die Beschriftungen als eine Art Versicherung, ein Gefühl von Verlässlichkeit in einer Zeit der Unsicherheiten.
Ähnlich verhält es sich bei einem Trend, der insbesondere in der jüngeren Generation zu beobachten ist: Funktionskleidung für den Alltag. „Sie gehen raus an die Bushaltestelle, als wollten sie den Mount Everest besteigen oder durch den Regenwald wandern. Damit sind sie bereit für alles – auch wenn das eigentlich nutzlos ist, schaut man sich ihren Tagesablauf an“, erklärt Ciuffi. Dieser Trend ist von der Mode nun auch zur Möbelbranche übergeschwappt. So sieht man Stühle, die mit technischen Stoffen bezogen sind. Ein Stuhl etwa ist komplett mit Outdoor-Materialien bezogen und das Gerüst selbst besteht aus Stangen, die normalerweise beim Campen oder Bergsteigen Einsatz finden. „Alles ist irgendwie konstruiert, selbst Möbel sind auf eine Wetterkatastrophe vorbereitet“, merkt sie an.

Moretto beschreibt diesen Trend als eine „physische Manifestation des Vorbereitet-Seins“. Sie soll Menschen helfen, mit Instabilität besser zurechtzukommen. „Es gibt eine diffuse, lähmende Angst, insbesondere bei der jüngeren Generation, vor der Klimakrise, vor globalen Verschiebungen und politischen Notständen. Sie haben das Gefühl, dass man vorbereitet sein muss auf das, was geschehen könnte.“
Grima beobachtet eine Entwicklung, die unterstreicht, wie „wichtig Textilien insbesondere im häuslichen Umfeld sind, weil sie eine Möglichkeit bieten, die oft sehr technischen Innenräume zu vermenschlichen. Sie helfen dabei, diese technische Überspitzung zu kompensieren.“ Alcova arbeitet bewusst mit diesem Kontrast. Die Designplattform will Wohnraumentwürfe schaffen, die die Sehnsucht der Menschen nach Ritualen, nach Reibung und der, so der Trendforscher, „unvermeidbaren technischen Präsenz“ widerspiegeln.

Die Farbpalette spielt mit den Kontrasten der drei Trendwelten: „Staged Competence“ setzt auf kühle Blau-, Grün- und mineralische Töne, die technische Präzision und Funktionalität vermitteln und mit leuchtendem Gelb Akzente setzen. „Inside Out“ kombiniert dunkle Graphit- und Anthrazittöne mit kräftigem Rot und sanftem Violett zu beinahe künstlich wirkenden Gegensätzen. „Hyper Presence“ bringt mit Rostrot, Orange, Ocker und Cremeweiß eine warme, erdige Qualität in die Farbauswahl und bildet damit einen bewussten Gegenpol zu den technisch-kühleren Farbwelten.
Die Trends werden während der Messe vom 12. bis 15. Januar 2027 im Trend Space in Halle 4.2 erlebbar sein.
Dies ist die Langversion des Beitrags aus der Printausgabe diy 11/2026.












