Vorstände und Aufsichtsrat zwar nicht entlastet und Umzug nach Hamburg abgelehnt, das Sanierungskonzept aber angenommen: Praktiker hat sich gestern kurz vor 24 Uhr auf einer dramatischen Hauptversammlung in Hamburg mit seinen wichtigsten Aktionären auf einen Kompromiss zur Sanierung des Unternehmens geeinigt. Nach langem Ringen erklärte sich die Fondsmanagerin Isabella de Krassny als Vertreterin der Hauptaktionäre Maseltov und Semper Constantia dazu bereit, das Sanierungskonzept des Vorstands mitzutragen. Im Gegenzug ersetzt Praktiker auf Druck der Aktionäre zwei Aufsichtsratsmitglieder durch Kandidaten von de Krassny. Unter anderem ziehen sich Vorstandschef Kay Hafner und Ebbe Pelle Jacobsen (AR-Vertreter von Delsey SA) aus dem Aufsichtsrat zurück. Hafner hatte seinen Posten in dem Kontrollgremium nicht niedergelegt, als er im Mai als Ersatz für den überraschend abgetretenen Konzernchef Thomas Fox für die Wirkung von vorerst drei Monaten an die Vorstandsspitze delegiert wurde. Aufsichtsratschef Kersten von Schenck bleibt im Amt und betonte auf der Versammlung, Hafner gebe lediglich sein Aufsichtsratsmandat ab. Als Vorstandschef will Hafner vorerst bis zum 13. August amtieren, allerdings hat er nicht die Rückendeckung seitens de Krassny. Diese bekräftigte, der frühere Deutschland-Chef von Obi, Andreas Sandmann, sei ihr Wunschkandidat für den künftigen Vorstandsvorsitzenden. Außerdem sollen weitere baumarkterfahrene Vorstandsmitglieder an die Seite von Hafner und Finanzchef Markus Schürholz berufen werden.Am Ende votierten die Anteilseigner nach langem Tauziehen kurz vor Mitternacht für die vom Management vorgeschlagene Kapitalerhöhung. Sie ermächtigten den Vorstand außerdem zur Ausgabe einer Optionsanleihe, über die der US-Finanzinvestor Anchorage mit 15 Prozent an Praktiker beteiligt werden soll, als Gegenleistung für einen rettenden Kredit, der mit 17 Prozent verzinst wird. Hätte sich die Debatte über Mittwoch, 24.00 Uhr hinaus hingezogen, wäre eine weitere Hauptversammlung nötig geworden. Abgelehnt wurde dagegen der eigentlich bis September zu erfolgende Umzug der Praktiker-Zentrale von Kirkel nach Hamburg. Ebenfalls negativ beschieden wurden die Entlastungsanträge für die Aufsichtsräte und die Vorstände des abgelaufenen Geschäftsjahres. Lediglich dem ehemaligen Auslands-Chef von Praktiker, Michael Arnold, wurde Entlastung erteilt. Die von de Krassny nominierten Nachfolger im Aufsichtsrat (Armin Burger vom Aufsichtsrat der Vivatis AG in Linz, Österreich, sowie der Aufsichtsratschef der Privatbank Semper, Erhard Grosnigg) sollen nun von einem Gericht bestellt werden. Denn obwohl die Wiener Fondsmanagerin die Mehrheit der anwesenden Stimmen vertrat, bestand keine Möglichkeit zur Neuwahl des Aufsichtsrats: Ein entsprechender Antrag, den de Krassny vor Wochen gestellt hatte, war von Praktiker aus formalen Gründen nicht auf die Tagesordnung gesetzt worden und dann auch vor Gericht gescheitert. De Krassny hatte mit dem von ihr vertretenen Paket von 16 Prozent der Aktien eine Mehrheit auf der Hauptversammlung, da dort nur knapp 27 Prozent des Grundkapitals vertreten waren. Nach der Einigung erklärte de Krassny: "Wir haben nicht alle unsere Ziele erreicht, aber wir werden das Konzept mit Anchorage mittragen. Dass wir darüber nicht glücklich sind, ist so." Fondsmanagerin de Krassny setzt auf „ihre“ beiden Aufsichtsräte bei der Ausverhandlung des Anchorage-Darlehens, die die Max-Bahr-Märkte als Sicherheit haben wollen. Die Kontrolleure sollen sicherstellen, dass Max Bahr nicht letztendlich als Perle mit einem Unternehmenswert von 112 Mio. € verloren geht. „Ich bin immer noch gegen Anchorage“, sagte de Krassny nach der Einigung. Aber ohne ihre Zustimmung hätte Anchorage den Vertrag gleich platzen lassen. „Ich bin gezwungen worden zuzustimmen.“