Natalie Kirchbaumer (r.) und Wanda Ganders haben sich im BWL-Studium kennengelernt und Meine Ernte vor zwölf Jahren gegründet.
Natalie Kirchbaumer (r.) und Wanda Ganders haben sich im BWL-Studium kennengelernt und Meine Ernte vor zwölf Jahren gegründet.

Meine Ernte

„Die Menschen wollen sich erden“

Der Mietgarten-Anbieter Meine Ernte hat den Gardena garden award 2021 gewonnen. Er spricht eine tendenziell jüngere, aber insgesamt hetero­gene Zielgruppe an. Was suchen diese Menschen? Und was bekommen sie? Fragen an eine der  Gründerinnen. 

Dass wir Natalie Kirchbaumer beim Video-Interview zu Hause antreffen, ist ja heutzutage nichts Besonderes mehr. Beim Mietgarten-Anbieter Meine Ernte wäre es das aber auch vor Corona nicht gewesen. „Wir hatten noch nie feste Büros und haben schon immer remote gearbeitet“, erklärt sie. „Wir“, das waren zunächst sie und ihre BWL-Studienkollegin Wanda Ganders, mit der sie das Unternehmen gegründet hat, und „schon immer“ heißt: seit zwölf Jahren.

Inzwischen betreibt Meine Ernte zusammen mit Partnerbetrieben aus der Landwirtschaft 25 Standorte für Mietgärten. Sie befinden sich in Lagen, die von Städten mit mindestens 100.000 Einwohnern aus gut erreichbar sind. Zu weiteren Standorten laufen Gespräche.

Außerdem hat Meine Ernte vor einem Jahr einen Online-Shop eröffnet und bietet dort auch Artikel unter der eigenen Marke an. Ein erstes digitales Produkt – ein digitaler Beetplaner – ist auch schon herausgekommen.

Der Sommer kann kommen: Die Mietgärten werden von Land­wirten in der Nähe großer Städte vorbereitet.
Der Sommer kann kommen: Die Mietgärten werden von Land­wirten in der Nähe großer Städte vorbereitet.

Frau Kirchbaumer, wie sieht die Entwicklung im Moment aus?

Natalie Kirchbaumer: Mit den Mietgärten sind wir ja schon ein etabliertes Unternehmen und Marktführer in Deutschland. So haben wir ein umfangreiches Wissen aufgebaut mit unserer Internetseite und einige Tausend Keywords in den Top 10 und 100 platziert. Damit haben wir eine Reichweite im zweistelligen Millionenbereich bei Google, so dass wir im vergangen Jahr zwei Millionen Besucher auf unserer Seite hatten. Wir erreichen also sehr viele Menschen, die selbst Gemüse anbauen möchten, und werden als Experte am Markt wahrgenommen, weil wir voll auf der Linie der Megatrends Gesundheit und Nachhaltigkeit liegen.

Wir haben die beiden Corona-Jahre sehr deutlich gemerkt. Deswegen haben wir im vergangenen Jahr unseren Onlineshop zur richtigen Zeit gelauncht. Hier bieten wir Produkte und Dienstleistungen rund um das Thema Selbstversorgung an.

 

Wie wichtig ist der Online-Shop für Ihr Geschäftsmodell?

Unsere Vision ist, dass sich mit Meine Ernte jeder Mensch ein Stück weit selbst versorgen kann. Der Vision kommen wir immer näher – auch mit unserem Onlineshop. Wir bieten zum Teil Produkte im Eigenversand an, zum Teil verschicken wir über Dropshipping, zum Teil gibt es Affiliate Partner. Mit dem Shop machen wir inzwischen hohe sechsstellige Umsätze. Dabei ist uns wichtig, dass wir Partner haben, die zu unseren Werten passen. Wir sind kein Amazon, und wir möchten auch kein Amazon werden. Fast alle Produkte sind von unserem Team getestet, weil wir alle das Thema Selbstversorgung leben.

Ist das auch bei Ihren Kunden der Fall? Sind das alles Selbstversorger? Wie sieht die Zielgruppe aus?

Bei den Mietgärten sind knapp 80 Prozent der Kunden Frauen – wohl auch, weil sie es sind, die dann für die Familie buchen. Generell ist es eine sehr heterogene Zielgruppe. Wir haben Studenten dabei, Akademiker, Familien. Sie alle mögen das, weil es ein einfaches Produkt ist. Es spricht sowohl Menschen an, die bereits Gartenerfahrung haben, als auch solche, die es einmal ausprobieren wollen. Die Altersspanne reicht von Mitte 20 bis Mitte 60, der Kern ist zwischen 30 und 50 Jahre alt, und es sind einfach sehr viele junge Leute dabei.

Bei unseren Kundenbefragungen kommt heraus: Das eine ist natürlich das frische Gemüse. Aber es geht vor allem auch um den Aspekt Gesundheit – mental und physisch. Motto: Es tut mir gut, etwas mit den Händen zu schaffen und der Natur nahe zu sein, mich zu erden.

In dieser Hinsicht heben wir uns wohl von der Baumarkt- und Gartenszene ab. Wir sprechen die typischen Lohas und gleichzeitig die jüngere Zielgruppe mit unserer jungen Marke an: Nachhaltigkeit, Greta-Effekt, gesundheitlich etwas Gutes tun, Nahrung schonend bearbeiten – alles Dinge, die auf einmal wieder sehr angesagt sind.

Und: Wir sind in der Lage, online und offline zu verbinden. Denn wir haben die Offline-Erfahrung der Mietgärten und stehen sehr glaubwürdig für das Thema Gärtnern und Selbstversorgung. Auf der anderen Seite haben wir eine sehr erfolgreiche Internetseite. Übrigens ist auch im Onlinegeschäft die Zielgruppe – auch das im Gegensatz zu den Baumärkten – überwiegend weiblich, wenn auch nicht zu 80 Prozent.

Eigenes Obst und Gemüse ernten, sich mit der Natur verbunden fühlen: Den Mietgarten-Kunden geht es auch um Gesundheit.
Eigenes Obst und Gemüse ernten, sich mit der Natur verbunden fühlen: Den Mietgarten-Kunden geht es auch um Gesundheit.

Hat sich die Zielgruppe in diesen zwölf Jahren verändert?

Wir stellen insgesamt fest, dass sich immer mehr Menschen für unsere Mietgärten interessieren und das Urban Gardening „the new normal“ geworden ist. Vor allem jüngere Menschen konsumieren heute bewusster.

 

Was sind das für Partner auf Seiten der Landwirte, die bereit sind, mit Ihnen zu kooperieren?

Viele Landwirten stehen heute vor großen Herausforderungen. Die Betriebe, mit denen wir arbeiten, sind offen für neue Themen. Für Selbstvermarkter beispielsweise sind Mietgärten eine gute Möglichkeit, regional bekannter zu werden und so eine bessere Wertschöpfung und eine bessere Marge zu erzielen.

 

Es müssen aber keine zertifizierten Öko-Betriebe sein, oder?

Wir arbeiten sowohl mit konventionellen als auch mit Bio-Betrieben zusammen. Aber unsere Nutzungsvereinbarung schließt beispielsweise bienenschädliche Substanzen aus. Es ist ein naturnahes Gärtnern.

Inzwischen bietet Meine Ernte Produkte unter seiner Eigenmarke an.
Inzwischen bietet Meine Ernte Produkte unter seiner Eigenmarke an.

Sie haben in Ihrer Bewerbung zum Gardena garden award weitere Innovationen angekündigt. Welche sind das?

Wir arbeiten themenübergreifend an verschiedenen Lösungen für den Bereich Selbstversorgung. Dabei geht es beispielsweise um Produkte und Dienstleistungen sowie Kooperationen, aber auch um Fragen wie: Wie kann man die regionalen Bedingungen beim Anbau berücksichtigen? Dafür soll beispielsweise das Wetter besser dokumentiert werden. Hier wollen wir dann mit Sensoren arbeiten. Oder es geht um Fragen wie: Welche Sorten kann man regional besser anbauen?  

Haben sie eigentlich ein Lieblingserlebnis mit einem Garten-Mieter?

Das sind so viele! Wir haben Mütter, die uns berichten, dass ihre Kinder jetzt viel lieber Gemüse essen. Wir haben Gärtner, die sagen: Mein Psychologe hat mir empfohlen, bei euch einen Garten zu mieten – und das war die beste Entscheidung. Wir haben Leute, die stehen mit dem Regenschirm und der Gießkanne auf dem Feld. Das Gefühl, den Menschen Gutes zu tun, Wissen weiterzugeben und zu erhalten – das ist einfach schön. 

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