Typisch Schweiz

Thomas Meyer, Migros Aare
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Thomas Meyer Projektmanagement Welle 7 Genossenschaft Migros Aare
28.11.2014
Baumärkte in der Schweiz? Wer häufiger in der Schweiz war, erkennt den Widerspruch. Aber ist es wirklich ein Widerspruch?

1959 hat der Gründer der Migros, Gottlieb Duttweiler, den ersten Do-it-yourself-Fachmarkt der Schweiz eröffnet - ein Jahr vor der Eröffnung von Bauhaus und elf Jahre vor dem ersten Obi. Während in Deutschland der private Wohnungsbau boomte - und beim Auf- und Ausbau gerne auf Baumaterialen vom Baumarkt zurückgegriffen wurde -, profitierten in der Schweiz die Handwerker und Baustoffhändler von Aus- und Neubauten.
Die Schweizer Baumärkte wie Do it + Garden Migros, Coop Bau + Hobby, Jumbo sowie die Do it-Gruppe führten daher nur ein kleines Sortiment im Bereich Baustoffe, Bauelemente, Plättli (Fliesen) oder Sanitärporzellan. Die Durchschnittsflächen der Schweizer Baumärkte lagen bis ins Jahr 1999 bei ca. 2.500 m².
Im Jahr 1999 eröffnete der Franchisenehmer Migros den ersten Obi-Baumarkt, welcher ein Novum in der Schweiz darstellte, gab es doch bis dahin für semiprofessionelle Heimwerker keine mit dem europäischen Ausland vergleichbaren Baumärkte. Die Migros ist seitdem mit zwei unterschiedlichen Formaten und Marken präsent und deckt damit sowohl die Großfläche wie auch den Nahversorgerbereich ab.
Mit dem Einstieg von Hornbach (2002) und Bauhaus (2006) wurde die Sortiments- und Preisgestaltung der Schweizer Unternehmen auf eine harte Probe gestellt. Alle Baumärkte unternahmen seitdem mehr oder weniger erfolgreiche Anstrengungen zur Zielgruppenprofilierung.
Die Coop Bau + Hobby-Märkte kooperieren so seit 2010 im Garten- und Pflanzenbereich mit Dehner, ebenfalls bündelt Coop seit 2003 sein Einkaufsvolumen unter anderem zusammen mit Baumax über die Einkaufsgesellschaft Eurobuy.Insgesamt ist der Schweizer Markt bis heute von drei Formaten geprägt: Kleinfläche bis 3.000 m², Mittelfläche bis 7.000 m² und Großfläche ab 7.000 m².
1. Kleinflächige Anbieter mit einem Mix aus Food, Near Food und Baumarktprodukten, ggf. verbunden mit einer Tankstelle. Ein typisches Beispiel ist Landi.
2. Klein-/mittelflächige Anbieter mit Flächen in oder in direkter Nähe von Einkaufscentren mit einem klassischen Baumarkt­sortiment oder auf der grünen Wiese. Typisches Beispiel ist Do it + Garden Migros.
3. Großflächenanbieter wie Bauhaus, Hornbach oder Obi. Die Großflächenanbieter werden vermutlich auch in Zukunft ihre im Ausland bewährten Konzepte für die Schweiz und entsprechend den Landesspezifika adaptieren. Innovationen sind daher eher von Schweizer Anbietern zu erwarten.
Schlagwörter wie das Internet und die Durchdringung mit Smartphones (acht Mio. Einwohner besitzen mehr elf Mio. Mobiltelefone - rund 70 Prozent davon sind internetfähige Smartphones), Overstoring, Veränderung in der Altersstruktur der Bevölkerung oder auch der Einfluss der "Share Economy" (Leihen statt Kaufen) sind einige Herausforderungen der Zukunft.
Kundenkarten sind in der Schweiz ein bewährtes Instrument. Die beiden führenden Systeme Cumulus (Migros) und Supercard (Coop) werden von über 85 Prozent der Bevölkerung eingesetzt. Damit ist es den Schweizer Unternehmen möglich, detaillierte Kundenprofile und damit kundenorientierte Sortimente in den Filialen anzubieten. Über die zusätzlichen Kundenkarten-Apps und den nach wie vor eingesetzten Directmails sind gezieltere Kundenansprachen möglich, als dieses mit den üblichen Flyern der Großflächenanbietern und der Frage an der Kasse nach der Postleitzahl möglich ist.
Neben der Datenermittlung anhand der Kassentransak­tio­nen werden Kunden sowohl über Social Media (Facebook, Twitter...) wie auch über Konsumentenplattformen wie z. B. www.migipedia.ch (Migros) angesprochen. Über migipedia können die Kunden Rückmeldungen auf konkrete Fragen geben und mit­entscheiden, welche Produkte ins Sortiment kommen oder neu entwickelt werden sollen.
Primär wird es heute im Food-Bereich eingesetzt - in den letzten vier Jahren wurden zusammen mit den Kunden über 50 neue Produkte entwickelt, mit welchen ein Gesamtumsatz von über 40 Mio. CHF erzielt wird.
Nahezu jedes Baumarktunternehmen bietet eine Informationsplattform im Internet an. Hornbach, Do it + Garden Migros und Coop Bau + Hobby bieten einen Großteil ihres Sortimentes auch in ihren Onlineshops und über Smart­phone-Apps an.
Neben diesen Baumarktunternehmen bieten auch die großen - ursprünglich aus dem Elektronikbereich stammenden - Onlinehändler wie Digitec (Migros) oder Microspot (Coop) ein ausgewähltes Sortiment im Baumarktbereich an und sind bei Investitionsgütern ab 150 CHF bereits relevante Wettbewerber des stationären Handels.
In Schweizer Supermärkten werden bis zu 25 Prozent der Einkäufe von Kunden selbst eingescannt und bezahlt. Im Baumarktbereich hat Do it + Garden Migros im Herbst 2014 den ersten Standort mit dieser erprobten und den Kunden vertrauten Technik ausgestattet. Der Zahlvorgang kann hierbei über das Mobiltelefon oder andere mit einem NFC-Chip (Near Field Communication) versehene Geräte kontaktlos vorgenommen werden.
Bereits in den Coop-Supermärkten sind Smartphone-Apps im Einsatz, welche das Einscannen der Artikel ermöglichen, so dass dem Handel keine Zusatzkosten mehr für die Anschaffung von Scannern entstehten.Immer größere Formate? Immer komplexere Sortimente? Immer längere Anfahrtswege und noch längeres Suchen in den 10.000 + x m² Großflächen? Entspricht dieses dem Bedürfnis einer immer älteren und hektischeren Gesellschaft?
Die Schweizer Coop Bau + Hobby-Märkte haben zusammen mit den Coop-Supermärkten eine neue (alte) Vertriebsform wiederentdeckt. An mehreren Standorten betreibt Coop heute unter einem Dach und mit einem Check-in/Check-out sowohl einen Supermarkt wie auch einen Baumarkt - trotz der Fläche von rd. 3.000 m² können über den Onlineshop nahezu alle der 50.000 Artikel angeboten werden, so dass der Weg in den Megabaumarkt - mit der gefühlten Überforderung - nicht mehr erforderlich ist.Gleichzeitig wird dem Bedürfnis nach Nähe und einer gewohnten Umgebung entsprochen.
Bauhaus und Hornbach haben in zwölf Jahren nur neun Märkte eröffnen können, die Schweizer Baumarktbetreiber bringen es - mit kleineren Formaten - auf eine um das Vielfach höhere Anzahl Filialen. Mit innovativen Ideen, der gelebten Kundennähe und dem hohen Vertrauen in die eigenen Stärken werden die Schweizer Baumärkte auch in der Zukunft ihre ganz eigene Position einnehmen. Typisch Schweiz - erfrischend anders!
Baumarkt, Schweiz
Berge und Baumärkte: Das passt in der Schweiz durchaus zusammen.
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