Corona-Krise | Corona/Covid-19 und die Baumärkte

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Renaissance des Heimwerkens?

Covid-19, Lungenkrankheit, Coronavirus

Covid-19, die Lungenkrankheit, die durch den Coronavirus ausgelöst wird, griff in den vergangenen Wochen massiv in das Leben der Deutschen ein.

Covid-19, die durch den Coronavirus hervorgerufene Lungenkrankheit, veränderte das Leben in Deutschland. Auch die Heimwerkerbranche ist davon betroffen – eine Zusammen­fassung der Entwicklung.

Der Reporter des TV-Dienstleisters NonStopNews wunderte sich: Während am ersten Aprilwochenende "gähnende Leere" in der Potsdamer Innenstadt und am Schloss Sanssouci und im angrenzenden Schlosspark herrschte, bildeten sich lange Schlangen vor dem örtlichen Baumarktcenter: "Geduldig warteten die Einkäufer zeitweise mit mehr als 100 Personen auf dem Parkplatz."


Ähnliche Beschreibungen wie die samstägliche Schilderung aus Potsdam finden sich in vielen Medien, gleich ob Print oder elektronischer Natur. Während in zahlreichen europäischen Ländern die Baumärkte wegen der Ausbreitung des Coronavirus schließen mussten, verkündeten die Bundesregierung und die Länderregierungen Mitte März 2020, dass unter anderem Baumärkte unter Auflagen nicht schließen müssten: "Ausdrücklich nicht geschlossen wird der Einzelhandel für Lebensmittel ... Bau-, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte und der Großhandel. Vielmehr sollten für diese Bereiche die Sonntagsverkaufsverbote bis auf weiteres grundsätzlich ausgesetzt werden. Eine Öffnung dieser genannten Einrichtungen erfolgt unter Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen. Dienstleister und Handwerker können ihrer Tätigkeit weiterhin nachgehen." Offensichtlich waren die Argumente der in dieser Zeit besonders aktiven Verbände stark genug, die politischen und ministerialen Entscheider von der zumindest teilweisen Systemrelevanz der deutschen DIY- und Gartenbranche zu überzeugen. Klar: Wo das WC kaputt ist, muss der Selbermacher auch über die Baumärkte an Reparaturmaterial kommen.


Allerdings war bereits im Vorfeld dieser Entscheidung, also in den ersten beiden Märzwochen dieses Jahres, der Andrang in den deutschen Baumärkten relativ groß. Wohl in der Vorwegnahme einer erwarteten Schließung der Märkte und steigender Homeoffice- und Kurzarbeit (sprich: mehr frei einzuteilende Zeit zuhause) deckten sich die Deutschen stärker mit DIY- und Gartenartikeln ein. Weiter verstärkt wurde dieser Trend vor allem in Grenznähe zu Frankreich und der Schweiz durch den Shopping-Run aus diesen Ländern: Man kaufte in Erwartung von Ausgangsbeschränkungen noch schnell die benötigten Freizeitmaterialien. Einzelne Standorte berichteten an den Samstagen von Rekordumsätzen und auch Lieferanten spezieller Sortimente kamen mit der Lieferung der Ware fast nicht nach und meldeten Umsatzsteigerungen von 100 Prozent. Die Baumärkte an der deutsch-schweizerischen Grenze mussten aber auch nach der De-Facto-Grenzschließung Umsatzverluste von rund 70 Prozent hinnehmen.


Ursprünglich sah die Entscheidung vom 16. März sogar die Möglichkeit der Sonntagsöffnung vor, was die deutschen Baumarktbetreiber allerdings aus unterschiedlichen Gründen (Personaleinsatzplanung, Gesundheitsvorsorge, befürchtete Imageprobleme, sicherheitsrelevante Aspekte etc.) nicht in Anspruch nahmen. Gut eine Woche später scherten dann jedoch einzelne Bundesländer aus der scheinbar so sicher festgezurrten Linie aus: Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Sachsen schlossen jetzt doch aufgrund verschärfter Ausgangsbestimmungen auch deren Bau- und Gartenmärkte. Rund ein Drittel der deutschen Baumarkt- und Gartencenter löschten damit das Licht in ihren Märkten.


In der Zwischenzeit waren die Baumarktbetreiber damit beschäftigt, ihre offen bleibenden Märkte so einzurichten, dass alle gesundheitlich relevanten, hygienischen Anforderungen für eine Öffnung erfüllt wurden: von Zugangssteuerungsmaßnahmen und -kontrollen über Schutzmaßnahmen vor Tröpfcheninfektionen an den Kassen und Beratungstresen bis zu Abstandsmarkierungen auf den Böden. Zeitweise und regional überprüften Ordnungsämter und die Polizei die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen.


Infolge der uneinheitlichen Regelungen kam es zum Teil zu einem Baumarkttourismus zwischen den Bundesländern. So mahnte Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe seine Landsleute dazu, nicht in die Baumärkte nach Brandenburg oder Schleswig-Holstein zu fahren, sondern die Bestell- und Abholmöglichkeiten im Land selbst zu nutzen (teilweise wurden dann die sich bildenden Schlangen vor den Abholstationen von der Polizei allerdings wieder aufgelöst). Auch vor den Baumärkten in Frankfurt sei Warten angesagt, weiß die Frankfurter Neue Presse (Mittwoch, 8.4.) und spricht von "Corona-Ärger". Grund hier waren Kunden, die aus Bayern kamen, wo Baumärkte nur für Gewerbetreibende aufmachen durften.


Die Branche ist verständlicherweise peinlichst darauf bedacht, nicht als Krisengewinnler wahrgenommen zu werden. Dennoch: Focus Money spricht von den "Profiteuren der Krise", der Spiegel vom "Leiden auf hohem Niveau" und das Handelsblatt spricht von Verärgerung der "Lieferanten durch Corona-Schreiben". Grund: Obi und die Hagebau hatten Briefe an die Lieferanten geschickt und eine Verlängerung der Zahlungsziele angekündigt beziehungsweise deshalb nachgefragt. Die EK-Servicegroup forderte kostenfreie Stornierungen und den Stopp der Lieferungen. Der Unterschied: Obi, Hagebau und Co. konnten in Deutschland den Großteil ihrer Märkte weiterbetreiben, die EK musste ihre Standorte schließen. Diese Aktionen standen in einem gewissen Gegensatz zu einem Appell der Branchenverbände von Anfang März zu einem fairen und besonnenen Umgang miteinander. HHG und IVG wandten sich dann noch einmal "exklusiv" an ihre Mitglieder und wandten sich gegen unsolidarische oder rechtswidrige Forderungen.

In einer Umfrage auf diyonline.de gaben immerhin rund zwei Drittel der Abstimmenden an, dass Händler und Lieferanten nur ihre Einzelinteressen durchsetzen wollten. Laut Handelsblatt fühlten sich Lieferanten "an die Wand gedrückt", während Handelsunternehmen ihrerseits auf die Notwendigkeit "präventiver Maßnahmen" zugunsten ihrer Franchisenehmer und Lieferanten hinwiesen. Zwischenzeitlich hat sich die Aufregung wohl etwas gelegt, die Branche kommuniziert wieder miteinander. Als beispielhaft wurde auf jeden Fall ein Brief von Bauhaus aufgenommen. Die Mannheimer hatten angekündigt, das Geschäft wie gewohnt weiterbetreiben zu wollen und auf die gute Partnerschaft verwiesen. Ein Lieferant: "Ich hatte wirklich zum ersten Mal Tränen in den Augen."


Dass in Deutschland die Bau- und Gartenmärkte zu den systemrelevanten Sparten gezählt wurden, ist nicht überall positiv aufgenommen worden. Schließlich war aber auch die Umsetzung nicht immer ganz kongruent. Während in Bayern Baumärkte schließen mussten und die Baywa- und Raiffeisen-Standorte geöffnet hatten, musste im Gegenzug anderswo der Möbelhandel schließen und die Baumärkte konnten das Frühjahrsgeschäft für den Verkauf von Gartenmöbeln nutzen. In Österreich, wo die Baumärkte auch nach Ostern wieder öffnen durften, zeigte sich beispielsweise XXXLutz "erbost über die Bevorzugung der Baumärkte" (Kleine Zeitung).


Ein Beitrag des SWR vom 4. April konstatiert einen Kundenansturm und eine steigende Nachfrage: Grund sei, dass die Baumärkte der "kollektiven Langeweile etwas entgegen" setzen würden. Ein Grund, der auch für den ein oder anderen Ministerpräsidenten mit dazu betrug, den Baumärkten eine Sonderrolle zuzugestehen: Heimwerken wirkt in deutschen Wohnungen sinn- und wahrscheinlich auch friedenstiftend. Diese gesellschaftliche Funktion ist nicht hoch genug einzuschätzen. "Frühlings-Shoppen gegen Corona-Frust" titelte auch bild.de in Bremen.


Das E-Commerce-Unternehmen Manomano hat auf jeden Fall die Deutschen während der Corona-Krisenzeit zu ihrer Einstellung zum Heimwerken gefragt und stellt fest: "Der Trend zum Heimwerken ist so stark wie noch nie." Gartenarbeit und kreative DIY-Tätigkeiten boomen demnach. 44 Prozent würden demnach bei einem Problemfall im Haus lieber selbst Hand anlegen, 24 Prozent eventuell auch einen Handwerker engagieren. Covid-19 könnte also tatsächlich zu einer Renaissance des Heimwerkens führen. Eine "Milliarden-Einbuße" infolge Covid-19, wie die Lebensmittelzeitung schrieb, ist zumindest in Deutschland für die Baumärkte eher unwahrscheinlich. Bundesweit dürfte das Umsatzplus der DIY-Branche im März 2020 bei für einen halben Monat einem Drittel weniger geöffneten Märkten etwas über sechs Prozent betragen - immerhin.

Dr. Joachim Bengelsdorf




Zwei Fragen an ...

Dr. Peter Wüst, Hauptgeschäftsführer des BHB


Welche Corona-Auswirkungen spürt Ihr Verband jetzt?
Ein neues Verständnis in der Branche über die Wichtigkeit unserer Produkte und Leistungen für das Gemeinwesen. Zudem eine unglaubliche Wertschätzung aller Mitarbeiter in den Märkten und sogar die Akzeptanz, dass Bau- und Gartenmärkte auch einmal geschlossen halten müssen, um die Gesundheit der Menschen zu schützen.


Wie wird die DIY-Welt nach Corona aussehen?
Das Sterben vieler kleiner Händler wird beschleunigt (vgl. IfH-Prognosen). Die Konzentration nimmt zu - auch auf Lieferantenseite. Unsere Branche hat aber eine außergewöhnliche Chance, mit passenden und attraktiven Angeboten den Kunden die vielfältigen Produkte und Leistungen unserer Branche zu verkaufen. Diese Chance sollten Lieferanten und Handel gemeinsam ergreifen - und deshalb einige emotionale Spitzen der letzten Wochen flott hinter sich lassen.

 

 

5/2020
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