Sabrina Jäger, Regisseurin und Produzentin des Dokumentarfilms „Hier sprach der Preis“.
Bildunterschrift anzeigen
Sabrina Jäger, Regisseurin und Produzentin des Dokumentarfilms „Hier sprach der Preis“.

Interview

Ich hatte Mitgefühl

Die Filmemacherin Sabrina Jäger im Gespräch über ihren Film „Hier sprach der Preis“, unfreundliche Kunden und absurdes Theater.

Frau Jäger, wie kamen Sie auf den Gedanken, einen Film gerade in einem Praktiker-Markt zu drehen, der bald schließen würde?Ich war damals, Mitte des Jahres 2013, auf der Suche nach einem aktuellen Thema. Und wie es so ist: Meistens kommen bei Dokumentarfilmen die Themen einfach auf einen zu. Der Praktiker-Markt in Bruchsal war drei Kilometer entfernt von meinem Elternhaus. Früher war ich oft mit meinem Vater dort zum Einkaufen. Ich las die Meldung über die Praktiker-Pleite und bin dann einfach ein paar Tage später zum Markt gefahren. Ich wollte eigentlich gar nicht gleich filmen, sondern zuerst einmal die Stimmung einfangen.Wie sind Sie an die Dreherlaubnis gekommen?Ich hatte eigentlich mit sehr hohen Hürden gerechnet. Der Marktleiter jedoch hatte das Hausrecht und hat mir von sich aus die Erlaubnis erteilt zu filmen. Ich sollte mir, so sein Kommentar, keine Sorgen machen, sondern einfach loslegen.Haben sie gleich gemerkt, dass Sie in Bruchsal Stoff für einen ganzen Film haben würden?Ich konnte die Entwicklung nicht vorhersehen und ein fertiges Konzept, quasi ein "Drehbuch", gab es nicht. Das, was ich getan habe, ist eigentlich im Gegensatz zur Reportage die gewagteste Form des Dokumentarfilms. Deshalb war ich fast jeden Tag im Markt. Und da ich keine Interviews geführt habe, musste ich mehr drehen und ich benötigte deutlich mehr Material.Wie verhielt es sich mit Ihrer eigenen Emotionalität dem Stoff gegenüber?Ich habe durchaus mitgefühlt, weshalb die Mitarbeiter mir gegenüber sehr offen waren. Z. T. waren diese ja bereits 15 Jahre bei Praktiker. Deshalb fiel es vielen schwer, sich nach dem Weggang auch in andere Baumarktsysteme einzuordnen. Teilweise kam es dort auch zu Mobbing nach dem Motto "Da kommen die Looser von Praktiker", weshalb viele dann wieder freiwillig gingen.
Wie präsentierte sich der Praktiker-Baumarkt in Bruchsal Ihnen?Die Situation war vollkommen absurd. Überall hingen bunte Plakate rum mit Prozenten und in grellsten Farben. Der Markt war voller Kunden, die den Laden mehr oder weniger völlig auseinandergenommen haben. Es waren auch fast keine Mitarbeiter mehr im Markt, weil sich viele solidarisch krank gemeldet hatten, nachdem die Schließungsabsicht bekannt gemacht worden war. Die Dauerbeschallung lief als Endlosschleife und Tim Mälzer pries permanent Farben an. Die zwei Mitarbeiterinnen und der Marktleiter waren quasi die Einzigen auf der Fläche. Der Markt diente als Bühne und ich hatte das Gefühl, dass ein absurdes Kammerspiel ablaufen würde. Die Bohrmaschinen wurden bereits bei einem Rabatt von zehn Prozent wie ab verkauft, obwohl sie oft noch teurer waren als bei der Konkurrenz. Es gab keinerlei Beratung mehr. Es wurde geklaut und die Ware z. T. einfach aufgerissen. Die Beschwerden schnellten nach oben und die Unfreundlichkeit der Kunden war extrem. Das hat mich fast am meisten geschockt, denn die Kunden gaben die Schuld an der Praktiker-Pleite, wenn etwas nicht so lief, wie sie wollten, oft den Mitarbeitern.Wie lange waren Sie zu Dreharbeiten im Markt?Ich war von Anfang August bis Ende Oktober 2013 im Bruchsaler Praktiker-Markt. Die Kamera war eine kompakte Filmkamera mit Richtmikro. Die Mitarbeiter trugen Ansteckmikros. Ich habe noch bis in den November 2013 hinein gedreht und z. T. noch die Transfergesellschaft begleitet. Dieser Teil passte dann aber dramaturgisch einfach nicht zum Hauptteil, dem Prozess der Schließung des Standortes. Danach habe ich zwei Monate lang das Material gesichtet und fünf Monate geschnitten. Struktur und Geschichte des Films waren relativ schnell klar. Der Rhythmus des Films wird zu seinem Schluss hin immer schneller. Die Mitarbeiter wussten bis zwei Wochen vor dem Ende nicht genau, wann ihr letzter Tag im Markt sein würde.Wie haben Sie den Film finanziert?Ein Großteil der Finanzierung läuft über die Postproduktion. Ich habe viel auf Risiko gemacht. Ganz ehrlich: Dokumentarfilme macht man nicht wegen des Geldes, sondern aus Leidenschaft, aus Überzeugung. Der Film "Hier sprach der Preis" wurde im Mai/Juni 2014 fertig. Ab da habe ich ihn bei Festivals eingereicht. Allein die Tatsache, dass ein Film bei einem Festival wie in Duisburg oder Paris läuft, ist schon eine Auszeichnung.Wann soll der Kinostart erfolgen?Geplant ist dieser für Juni/Juli dieses Jahres, natürlich auch in meiner Heimatgegend in Bruchsal. Die Vermarktung erfolgt über mich, was ich ganz bewusst mache, weil ich so an dem Film auch noch etwas verdienen kann. Ich bin auch bei den meisten Aufführungen selber anwesend und führe nach der Vorstellung auch Gespräche mit den Besuchern. KontaktSabrina Jäger,E-Mail: info@jaegerweiner.deHomepage des Films: www.hiersprachderpreis.de

"Hier sprach der Preis"


Aufführungstermine11.+ 12. Juni, 19.00 UhrFrankfurt/M.Orfeos Erben13. Juni, 17.30 UhrFreiburg/Brsg.Kommunales Kino14. Juni, 17.00 UhrMannheimAtlantis Kino19. Juni, 20.00 UhrWitzenhausenCapitol Kino27. Juni, 18.00 UhrMünchenWerkstattkino27. + 28. Juni, 4. + 5. Juli, 12.00 UhrHannoverKino am Raschplatzdiy Branchen-premiere 16. Juli, 17.00 UhrEttlingenKino Kulisse
Front Praktiker-Markt in Bruchsal-Heidelsheim
Hier entstand der Film: Front des heute geschlossenen Praktiker-Marktes in Bruchsal-Heidelsheim.
Sperrung
Trauriges Ende: Nach kurzer Zeit präsentierte sich der Markt großflächig geplündert.
Zur Startseite
Mehr zum Thema
Lesen Sie auch