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Ausländische Standorte Baumarktbetreiber

Rückblick

Das Fernweh der Europäer

Das Auslandsengagement der europäischen DIY-Händler hat sich in den zurückliegenden 25 Jahren rasant entwickelt. Inzwischen betreiben sie mehr als 2.500 Standorte außerhalb ihres jeweiligen Heimatmarktes.

Für das Expansionsstreben der europäischen Baumarktbetreiber war der Mauerfall in Deutschland nicht der Startschuss. Aber die Öffnung der Grenzen und der politische Wandel der mittel- und osteuropäischen Staaten haben diesem bis dahin mäßigeren Expansionsstreben natürlich neue und sehr viel Nahrung gegeben.
Von dem Marktpotenzial, das sich in diesen Ländern in den Jahren nach der Wende entwickelte, wollten natürlich nicht nur die deutschen Betreiber etwas haben. Die waren vorerst ohnehin damit beschäftigt, den Markt in Ostdeutschland zu besetzen. Auch die DIY-Handelsunternehmen in anderen europäischen Ländern haben nach Möglichkeiten gesucht, neue Umsatzpotenziale außerhalb der jeweiligen Landesgrenzen zu erschließen.
Die haben sie zwar nach der Öffnung Osteuropas in verstärktem Maße dort gefunden. Aber auch sie haben nicht auf den Mauerfall gewartet, um sich in ihren jeweiligen Nachbarländern umzutun. So hat beispielsweise die französische Kette Castorama bereits 1988 einen ersten Markt in Italien eröffnet. Im Jahr 1990 folgte der zweite italienische Standort.
In diesem Jahr hatte Bauhaus bereits 20 Standorte in Österreich, vier in Dänemark und drei in Spanien. Dorthin hatten auch schon die Franzosen geschaut: Leroy Merlin hatte 1989 seinen ersten spanischen Baumarkt in Madrid eröffnet. Sechs Jahre später hat die französische Kette bereits sechs Märkte in Spanien und damit doppelt so viele wie Bauhaus betrieben.
Frankreich hat sich erst im Laufe der Zeit als das Land entwickelt, das nach Deutschland den stärksten auf das Ausland gerichteten Expansionsdrang ausgebildet hat. Betrieben die deutschen Baumarktunternehmen fünf Jahre nach der Wiedervereinigung insgesamt 171 Standorte jenseits der Landesgrenzen, kamen die Franzosen auf gerade einmal 30 Auslandsstandorte.
Da waren die Briten und Niederländer expansionswilliger: Sie hatten 1995 jeweils 37 Baumärkte im Ausland. Doch die Franzosen trieben die Internationalisierung des DIY-Handels auf lange Sicht intensiver voran. Leroy Merlin beispielsweise eröffnete 1996 im Ausland mehr Märkte als in Frankreich - zwei Standorte in Spanien, drei in Italien und einen in Belgien. Und Hauptkonkurrent Castorama zog es gar nach Kanada, wo das Unternehmen die Réno-Dépôt-Gruppe mit elf Baumärkten in Québec erwarb. Im Jahr 2003 - da gehörte Castorama bereits zu Kingfisher - wurde das Engagement in Kanada jedoch wieder beendet. Im selben Jahr zog sich das Unternehmen auch aus Belgien, Deutschland und Brasilien zurück und hat die Nomi-Märkte in Polen verkauft.
Bereits 15 Jahre nach der Wende stellen sich die Verhältnisse also anders dar, denn da steht Frankreich an zweiter Stelle in Sachen Auslandsengagement, und im 25. Jahr liegen die französische und die deutsche Baumarktbranche fast gleichauf. Gemeinsam stellen sie mehr als die Hälfte der Auslandsstandorte europäischer Baumarktbetreiber. Und das sind eine ganze Menge: Zum Jahresende 2014 haben die DIY-Händler Europas insgesamt 2.637 Standorte außerhalb ihrer jeweiligen Herkunftsländer betrieben.
Freilich ging die Konzentration aufs Auslandsgeschäft nicht immer gut. Am spektakulärsten ist sicherlich der Fall Bricostore. Die Baumarktkette der französischen Einzelhandelsgruppe Bresson hat ausschließlich im Ausland operiert. Die Finanzkrise von 2008, die die Länder Mittel- und Osteuropas besonders getroffen hat, war letztlich auch für Bricostore fatal. Zwischen 2012 und 2014 musste sich das Unternehmen komplett aus Ungarn, wo es seit 1997 war, Rumänien und Kroatien zurückziehen und ist seither von der Baumarktszene verschwunden.
Das war beileibe nicht der einzige Fall, in dem Baumarktbetreiber ihre Engagements in anderen Ländern komplett aufgegeben haben. Derzeit aktuell ist der Rückzug des britischen Kingfisher-Konzerns mit seiner Vertriebslinie B&Q aus China. Das Land und vor allem seine riesige Bevölkerung waren einst als der große Wachstumsmarkt für die Baumarktbranche angesehen worden, die in ihren angestammten Märkten an Sättigungsgrenzen gelangt waren.
Keinem - und es waren beileibe renommierte Unternehmen - ist es jedoch gelungen, dort wirklich Fuß zu fassen. So hat der US-amerikanische Weltmarktführer Home Depot das Land 2012 nach nicht einmal sechs Jahren wieder entnervt verlassen. Obi, die Nummer eins in Deutschland, wagte sich im Jahr 2000 ins Reich der Mitte - und gab sein Engagement nach fünf Jahren schon wieder auf.
Und nun eben Kingfisher: Die Briten sind seit 1999 in China. Derzeit gibt es noch 39 B&Q-Märkte, aber das Unternehmen hat 70 Prozent seiner Anteile an den chinesischen Einzelhandelskonzern Wumei Holdings verkauft.
Die französische Groupe Adeo, traditioneller Konkurrent des britischen Kingfisher-Konzerns, den sie vor zwei Jahren in der Position des größten europäischen Baumarktbetreibers abgelöst hat, spielt in China praktische keine Rolle. Seit 2005 betreibt sie in Peking einen einzigen Markt ihrer Hauptvertriebslinie Leroy Merlin.
Dafür hat die Groupe Adeo ein anderes außereuropäisches Schwellenland für sich entdeckt: Seit 1996 hat Leroy Merlin das Terrain in Brasilien sondiert und in Sao Paulo ein Büro eröffnet. Inzwischen betreibt das Unternehmen im größten Land Südamerikas 31 Baumärkte.
Anderswo treffen die beiden Konkurrenten dagegen direkt aufeinander - in Frankreich, wo Kingfisher mit seinen im Jahr 2002 übernommenen Tochterunternehmen Castorama und Brico Dépôt präsent ist, sowieso, aber eben auch in den Expansionsländern.
Aktuell sind das in Westeuropa Spanien (Leroy Merlin/Aki/Bricomart 105 Märkte, Brico Dépôt 28 Märkte) und Portugal (Leroy Merlin/Aki 38, Brico Dépôt 2). In Osteuropa rückt Kingfisher näher an den Konkurrenten heran: Rumänien (Leroy Merlin 17, Brico Dépôt 15), Polen (Leroy Merlin/Bricoman 52, Castorama/Brico Dépôt 72).
Eine besondere Bedeutung wird freilich Russland beigemessen, dem größten und nach wie vor vielversprechendsten Markt, der sich nach der Wende von 1989 geöffnet hat. Allerdings hat es lange gedauert, bis die Ketten aus dem Westen sich in diesen Markt gewagt haben. Den Anfang hat Obi im Jahr 2003 gemacht, im Jahr darauf folgte Leroy Merlin. Castorama zog 2006 nach, hat auf einen Schlag aber gleich drei Standorte eröffnet.
Inzwischen verteilen sich die Marktanteile anders. Die drei Betreiber aus Westeuropa gelten nach wie vor als die Top drei des russischen Marktes, aber an die Spitze hat sich Leroy Merlin mit 34 Märkten (Ende 2014) gesetzt. Auf Platz zwei im Standortranking folgt Obi mit 24 Märkten, Castorama hat 21 Standorte.
Die Wachstumsraten des russischen Marktes, der als der dynamischste in Europa gilt, haben sich in Folge der Wirtschaftskrise und zuletzt der politischen Konfrontation mit dem Westen zwar abgeschwächt, aber niemand erwartet, dass die Expansion zum Stillstand kommt. Sowohl die großen ausländischen Ketten als auch die russischen DIY-Handelsunternehmen, die sich eine starke Position erarbeitet haben, richten sich auf weiteres Wachstum ein.
Bricostore
Nicht jedes Auslandsengagement gelingt: Der französische Betreiber Bricostore, der ausschließ­lich in Ost­europa tätig war, ist komplett vom Markt verschwunden.
Castorama
Castorama, fran­zösische Tochter des britischen King­fisher-­Konzerns, ist seit 2006 in Russland tätig.
Leroy Merlin
Leroy Merlin zeigt eine starke Präsenz in Italien mit mittlerweile 47 Märkten.
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